Die Fabel von der Inselbrücke


Es war einmal eine kleine Insel mitten in einem weiten Meer. Sie war nicht besonders groß, aber sie war warm. Auf ihr wuchsen Zitronenbäume, es gab eine Bank im Schatten und abends leuchteten kleine Lichter, die man nur sah, wenn man genau hinschaute.


Eines Tages kam ein Reiher auf die Insel.

Er landete vorsichtig, faltete die Flügel und blieb stehen. Kurz darauf kam ein Otter, nass vom Schwimmen, neugierig und wach.

Sie setzten sich nebeneinander auf die Bank.

Sie redeten nicht viel.

Aber wenn der Otter lachte, wippte der Reiher mit dem Kopf, und wenn der Reiher schwieg, blieb der Otter still bei ihm.

Das war schön.

Und es war leicht.



Die Brücke


Zwischen der Insel und dem Festland gab es eine schmale Brücke. Sie war nicht kaputt, aber auch nicht sehr stabil. Man konnte hinübergehen, aber man musste wissen, wohin man wollte.

Der Otter sah die Brücke und dachte:

„Vielleicht könnten wir hier öfter sein.

Vielleicht könnte das ein Ort werden, zu dem man zurückkehrt.“

Der Reiher sah die Brücke auch. Aber er sah gleichzeitig das Festland:

den Wald, die Höhlen, die anderen Tiere, die dort auf ihn warteten.

Und plötzlich wurde ihm schwindlig.



Der Sturm


Eines Tages kam ein Sturm. Nicht auf der Insel, sondern über dem Festland.

Der Wind riss an den Bäumen, alles wurde laut und schwer. Der Reiher wurde müde. Seine Flügel taten weh.

Er sagte: „Der Sturm ist zu viel. Ich kann gerade nicht über Brücken nachdenken.“

Der Otter nickte.

Er baute kleine Steine an den Anfang der Brücke, damit sie nicht ganz wegspülte. Er hielt sie fest.

Allein.



Die Grenze


Als der Sturm sich gelegt hatte, setzte sich der Reiher wieder auf die Bank. Der Otter wollte ihm erzählen, wie die Steine geholfen hatten, wie die Brücke noch da war.

Doch der Reiher sagte leise: „Bitte erzähl mir das nicht so genau. Wenn ich zu lange hinschaue, bekomme ich Angst.“

Also hörte der Otter auf zu erzählen.



Der Abschied ohne Weggehen


Die Insel blieb.

Die Bank auch.

Aber der Reiher kam seltener.

Und wenn er kam, blieb er nur kurz.

Eines Tages nahm der Otter einen der Steine von der Brücke und legte ihn in seine Tasche.

Er sagte: „Ich nehme das mit, was mir gehört:

dass ich bauen kann,

dass ich bleibe,

dass ich weiß, wie Nähe sich anfühlt.“

Dann ging er schwimmen. Nicht weg von der Insel. Aber weiter.



Und die Moral der Geschichte


Manchmal treffen sich zwei Tiere an einem guten Ort.

Und der Ort ist echt.

Aber nicht jedes Tier kann über dieselbe Brücke gehen.

Wer baut, hat nichts falsch gemacht.

Wer innehält auch nicht.