Die Akte Matt

Niemand konnte später genau sagen, wann es angefangen hatte. Vielleicht an dem Tag, als Matt das erste Mal durch die Glastür trat. Vielleicht schon vorher.

Er hatte dieses Lächeln. Nicht das warme, echte. Sondern eins, das perfekt war, wie aus einem Werbeplakat geschnitten und dann… falsch wieder zusammengeklebt.

Zu gerade.
Zu ruhig.
Zu geduldig.

„Neuer Praktikant“, hatte die Personalabteilung gesagt.
„Empfohlen über Kontakte.“

Kontakte.

Immer wenn jemand dieses Wort benutzte, passierte später etwas, das man nicht mehr rückgängig machen konnte.

Matt fiel nicht auf. Er hörte zu. Er nickte. Er merkte sich alles. Wer Kaffee schwarz trank. Wer heimlich rauchte. Wer spät blieb. Wer allein nach Hause ging.

Es war fast schmeichelhaft.

„Er ist aufmerksam“, sagte jemand.
„Ein guter Zuhörer“, sagte ein anderer.

Niemand sagte: Er sammelt uns.


Dann kamen die Funklöcher. Immer wenn irgendwo Chaos war, Serverausfälle, Notfälle, Nachtschichten, war Matt plötzlich… weg.

„Kein Empfang“, sagte er später. „War im Gelände.“

Im Gelände.

Niemand fragte nach, welches Gelände so konsequent jedes Signal verschluckte. Aber es fiel auf, dass immer dann jemand fehlte. Erst nur eine Aushilfe. Dann ein Kurier. Dann ein Patient, der „verlegt“ wurde. Zu viele Zufälle beginnen irgendwann, sich wie ein Muster anzufühlen.


Es war Shyran aus der Nachtschicht, die es zuerst bemerkte.

„Riecht ihr das auch manchmal?“, fragte sie.

Nicht immer. Nur nachts. Nur kurz. Wie… feuchter Stein. Und etwas Metallisches. Und etwas Warmes, das nicht warm sein sollte. Man lachte darüber. Bis sie zwei Tage später nicht mehr zur Arbeit erschien.


Ich habe ihn selbst eingestellt. Das sage ich mir immer wieder. Freund eines Freundes eines Cousins. Saubere Unterlagen. Stempel. Unterschriften. Empfehlungsschreiben. Alles korrekt. Und doch… wenn ich die Akte heute ansehe, wirkt sie wie ein schlecht gemachtes Kostüm. Zu glatt. Zu leer. Als hätte jemand verstanden, wie Menschen Dinge dokumentieren, aber nicht warum.


Es passierte an einem Abend. Spät.
Zu spät.

Nur noch ein paar von uns waren da. Matt stand plötzlich im Raum, leise wie ein Gedanke, den man nicht gedacht haben wollte. Er lächelte.

„Wer kommt eigentlich aus dem Saarland?“

Stille.

Ein paar lachten nervös. Niemand antwortete.

Matt nickte langsam. „Gut.“ Seine Stimme war freundlich. Fast erleichtert.

„Dann bleibt bitte einfach stehen.“


Es war nichts Dramatisches. Kein Blitz. Kein Schrei. Nur ein… Riss. Als würde etwas in der Luft kurz falsch laufen. Sein Lächeln blieb aber es rutschte. Zu weit. Zu breit.

Seine Augen… wurden ruhig. Zu ruhig. Und darunter… bewegte sich etwas. Nicht sichtbar. Aber spürbar. Wie ein zweites Gesicht, das nicht wusste, wie man menschlich bleibt.


Wir hatten gedacht, er beobachtet uns. Aber das stimmte nicht. Er kartierte uns. Gewohnheiten. Routen. Schwächen. Er wartete nicht. Er bereitete vor.

Und das Praktikum… war nur eine Zeitspanne. Ein Countdown.


Der Mond stand hoch. Zu hell für die Stadt. Zu klar. Ich erinnere mich an Schritte im Flur. Nicht hastig. Nicht laut. Sicher. Als würde jemand genau wissen, wer wo ist.

Dann dieses Geräusch.

Kein Knurren. Kein Brüllen. Ein leises, trockenes… Lachen.


Am nächsten Morgen war Matt weg. „Praktikum beendet“, stand im System. Sauber. Ordentlich. Abgehakt. Als wäre er nie da gewesen.

Aber wir waren weniger.

Und die, die geblieben sind… gehen nicht mehr allein nach Hause.


Manchmal, wenn es spät wird und die Straßen leer sind, fühle ich, dass jemand meine Schritte kennt, bevor ich sie mache. Dann sehe ich irgendwo in einer Spiegelung für einen winzigen Moment ein Lächeln.

Zu perfekt. Zu ruhig.

Und ich weiß: Matt war nie der Name. Matt war nur die Form. Und irgendwo da draußen… wartet die nächste Stelle. Ein neues Büro. Neue Menschen. Neue Listen.

Und wenn du Glück hast, wirst du ihn mögen.

Wirklich.

Denn niemand merkt es… bis das Praktikum endet.

Und dann…

frisst die Hyäne.